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  • Wie ein bayerisches Wörterbuch mir half, nicht nur die Sprache, sondern auch die Kundschaft zu verstehen

    Eigentlich dachte ich immer, ich kenne mich aus. Mit 45 Jahren, geboren und aufgewachsen in Oberbayern, und seit zehn Jahren stolzer Besitzer eines kleinen Ladens für regionale Geschenkartikel und Lebensmittel in einer touristisch beliebten Gemeinde. Doch eines Tages stand eine Gruppe älterer Damen aus dem Niederbayerischen bei mir an der Kasse. Ich hatte eine neue, lokale Senfsorte vorgestellt und wollte sie begeistert erklären. “Des is a wahnsinnig guata, schoarf g’machta Senf”, sagte ich voller Überzeugung. Die Damen schauten sich an, eine zuckte kaum merklich mit den Schultern, und eine andere murmelte etwas von “oaweiß ned”. Der Verkauf platzte. Ich war verwirrt. Hatten sie mein “schof” nicht verstanden? Meinte ich vielleicht “scharf”? Das war mein erster, kleiner Schock – dass mein eigenes, vermeintlich klares Bairisch schon innerhalb Bayerns an Grenzen stoßen konnte.

    Diese Begegnung ließ mich nicht los. Ich begann, genauer hinzuhören. Die Touristen aus Hamburg fragten natürlich oft nach Übersetzungen, aber auch die Einheimischen aus anderen Regionen Bayerns hatten manchmal diesen kurzen Moment des Innehaltens, wenn ich einen bestimmten Dialektausdruck benutzte. Das war mehr als nur ein sprachliches Missverständnis; es war eine kleine Barriere in der Kundenbeziehung. Aus purer Neugier begann ich, bei solchen Begriffen nachzuschlagen. Meine Rettung wurde das www.bayrisches-woerterbuch.com. Ursprünglich nur als lustiges Nachschlagewerk gedacht, wurde es schnell zu einem unerwarteten betriebswirtschaftlichen Werkzeug. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, Wörter zu übersetzen, sondern die kulturellen Nuancen dahinter zu begreifen – und das veränderte meinen Umgang mit allen Kundengruppen.

    Vom “Gscherten” zum Geschäft: Wie Detailwissen Vertrauen schafft

    Ein konkretes Beispiel: Ein Kunde aus der Pfalz, sichtlich ein Kenner von Feinkost, begutachtete meine Auswahl an handgemachten Bränden. Er nahm eine Flasche Williamsbirne in die Hand und fragte: “Und was macht diesen hier besonders? Ist das ein eher rustikaler, kraftvoller Brand?” Ich wollte eigentlich antworten: “Na, des is koa Gscherter, des is ganz zart.” Ich hielt inne. “Gscherter” ist in meinem Idiom negativ besetzt für etwas Schroffes, Ungeschliffenes. Aber würde er das verstehen? Und wäre die negative Konnotation fair gegenüber den wirklich kräftigen Bränden, die ich auch im Sortiment habe? Stattdessen griff ich auf eine Erklärung zurück, die ich dank des Wörterbuchs gefunden hatte: “In vielen Gegenden sagt man ‘gschert’ tatsächlich für etwas Derbes. Unser Brenner nennt das aber ‘an guatn Biss’ – also volle Aromaentfaltung mit einer angenehmen Schärfe am Abgang. Dieser hier ist hingegen die feinere, fruchtigere Variante.” Der Kunde nickte wissend, kaufte beide Sorten – den “zarten” und einen “mit Biss” – und ist heute Stammkunde. Die Präzision in der Beschreibung, die auf dem Verständnis der regionalen Sprachvielfalt beruhte, machte den Unterschied zwischen einem einfachen Verkauf und einer kompetenten Beratung, die Vertrauen stiftet.

    Die Grammatik des Marketings: Regionale Ansprache jenseits von Klischees

    Als ich begann, für meinen Laden kleine Texte auf Social Media und in einem Newsletter zu verfassen, stand ich vor einem Dilemma. Sollte ich hochdeutsch schreiben und damit “alle” erreichen? Sollte ich in breitem Dialekt schreiben, was sich aber für viele Nicht-Bayern wie eine Geheimsprache anfühlt? Die Lösung fand ich in einer Mischung, die das Wörterbuch inspirierte. Ich lernte, dass bestimmte Wörter wie “greißlich” (fürchterlich) oder “gschaft” (arbeitsam, tüchtig) quasi landesweit in Bayern verstanden und geschätzt werden. Sie sind Marker der Identität, ohne ausgrenzend zu wirken. Also schrieb ich keine durchgängigen Dialekt-Tiraden, sondern setzte gezielt diese verbindenden Begriffe ein. Eine Newsletter-Zeile lautete: “Unser neuer Honig ist nicht einfach nur gut – ohne g’schamsta Diandl, er ist a wahnsinnig g’schafts Werk von unsere Bienen.” Die Resonanz war enorm. Die lokalen Kunden fühlten sich verstanden und heimisch, die zugezogenen und touristischen Gäste lernten einen charmanten, neuen Ausdruck und fühlten sich eingeweiht, nicht ausgeschlossen. Dieses Feingefühl für die Schichtungen der Sprache ist unbezahlbar für eine authentische, nicht aufdringlich folkloristische Markenkommunikation.

    Mehr als Übersetzung: Der kulturelle Code in jeder Transaktion

    Die größte Lektion war jedoch, dass das Wörterbuch mir half, nicht Wörter, sondern Menschen zu “übersetzen”. Eine ältere Herrschaft aus dem Allgäu suchte nach einem Geschenk und kommentierte jedes zweite Produkt mit einem nachdenklichen “Ja, ischt scho…” – was ich zunächst als Desinteresse deutete. Ein Blick ins digitale Lexikon zeigte mir die Vieldeutigkeit von “schon” im Bairischen, das oft eine grundsätzliche Zustimmung bei gleichzeitiger, leiser Skepsis ausdrückt. Es war keine Ablehnung, sondern eine Aufforderung zur weiteren Überzeugungsarbeit! Also ging ich darauf ein: “Sie sagen ‘ischt scho’ recht – der Kerzenständer IST schön. Aber vielleicht fehlt ihm noch das gewisse Etwas für den Empfänger? Schauen wir mal hier…” Dieser Perspektivwechsel, ermöglicht durch das Verständnis des sprachlichen Subtexts, verwandelte ein stockendes Gespräch in einen erfolgreichen Abschluss und – viel wichtiger – in ein positives Erlebnis für die Kundin. Sie fühlte sich verstanden. Heute sehe ich meine Rolle nicht mehr nur als Verkäufer regionaler Produkte, sondern auch als eine Art Dolmetscher und Brückenbauer zwischen den unzähligen Facetten bayerischer Kultur, die alle in der Sprache schlummern. Das Wörterbuch war der Schlüssel zu diesem Bewusstsein. Es geht am Ende nie nur um den Einzelhandel, sondern immer um den Austausch und das gegenseitige Verständnis – und da kann selbst ein scheinbar simples Wort wie “fei” oder “halt” der Türöffner sein.